Freitag, 28. August 2015

Mehr so Mersault! Domaine Roulot – Meursault-Boucheres Premier Cru


von Marc Dröfke
Meursault. Spricht man über die ganz großen Weißweine dieser Welt, ist das ein Ortsname, der viele Weinfans sofort hellhörig werden lässt. Denn wie Vosne oder Chambolle für sensationellen Pinot bekannt sind, ist Meursault die Quintessenz in Sachen Chardonnay für eine Großzahl von Konsumenten. 

Was viele nicht wissen: In Meursault gibt es keine Lage, die Grand Cru Status besitzt. Exakt die Fleckchen Erde, die dem Burgund größtenteils seinen Legendenstatus beschert haben. Allerdings herrscht einhellig die Meinung, dass die besten Premier Crus, die rund um das beschauliche Städtchen gekeltert werden, es locker mit entsprechenden Grand Crus aus anderen Gemeinden aufnehmen können.

Einer der Produzenten, der hier seit geraumer Zeit für Furore sorgt, ist Jean-Marc Roulot. Die Weine der Domaine waren schon immer begehrt und qualitativ über jeden Zweifel erhaben. Seit etwa zwei Jahren allerdings hat der Hype (und hier kann man wirklich von einem Hype sprechen) um die Weine eine neue Stufe erreicht. Der Vergleich zum großen Jean-Francois Coche-Dury wird oft genannt. Für mich nicht ganz nachvollziehbar, haben beide Winzer doch einen unterschiedlichen Stil. Auch preislich liegt da (noch) eine Liga dazwischen. Gott sei Dank, muss man da sagen.

Die Geschichte der Domaine ist relativ schnell erzählt. 1830 wurde die Domaine gegründet und erfuhr mit Jean-Marcs Vater Guy Roulot, der das Weingut 1960 unter seine Fittiche nahm, einen saftigen Auftrieb. Guy Roulot vinifizierte als einer der ersten in Meursault seine jeweiligen „Dorf-Meursault“-Paarzellen (Village) einzeln. 

Damit ging er den anderen Weg als den üblichen, denn die meisten Winzer warfen ihre Trauben aus den jeweiligen nicht Premier Cru klassifizierten Parzellen zusammen, um einen einzigen Wein zu erzeugen. Diese Diversifikation plus Ausbau der Weingärten durch Neupflanzungen, Reduzierung der Erträge sowie Investitionen in Keller und Technik ebneten den Weg zur heutigen Anerkennung. Leider verstarb Guy Roulot 1982 im sehr frühen Alter von Anfang 50. 

Sein Sohn Jean-Marc besuchte zu dieser Zeit lieber eine Schauspielschule in Paris anstatt sich um die Reben zu kümmern. Mit der Hilfe von Jacques Seysses (Domaine Dujac) trat der erst 25 Jährige Amerikaner Ted Lemon (heute Littorai/CA) in die großen Fußstapfen von Guy Roulot und behielt den Stil, den der Alte vorgegeben hatte, so gut es ging bei. Abgelöst wurde er von Franck Grux, der die Verantwortung im Keller bis zur Rückkehr von Jean-Marc im Jahre 1988 übernahm. 

Seit diesem Jahrgang führt Roulot das Weingut zusammen mit seiner Schwester Michelle bis zum heutigen Tage. Schon kurz nach der Rückkehr aufs elterliche Weingut stellte er im Jahre 1989 die Anbauweise auf biologisch um und verkleinerte die Erträge noch mehr. Nebenbei erhöhte er die Anbaufläche nur leicht, um nicht den persönlichen Bezug zum Weinberg zu verlieren. Dabei liegt sein Fokus ganz klar auf der Herausarbeitung der unterschiedlichen Eigenschaften der jeweiligen Parzellen. 

Im Keller wird möglichst wenig eingegriffen, um die Weine nicht zu verfälschen. Roulot setzt gezielt verschiedene Fässer ein, um die Spezifikationen der Weine zu unterstreichen. Und eins muss man den Franzosen lassen: wenn sie etwas können, dann ist es Holz. Und das richtig gut. Dem ein oder anderen mögen die Weine in der Jugend vielleicht etwas zu sehr davon eingenommen sein. Mit etwas Flaschenreife integriert sich das allerdings und gibt dem Wein Rückgrat und Struktur. 

Die Weine von Jean-Marc Roulot sind ein Fixstern am burgundischen Himmel. Das sind große Worte. Aber es gibt wenige Weingüter auf dieser Welt, die in meinen Augen hier mithalten können. Ich weiß, die Gebinde sind teuer. Aber jeden Cent wert.

Meursault-Boucheres Premier Cru 2004

Einer der vier verschiedenen Premier Crus, die von Roulot auf die Flasche gezogen werden.
Im Glas dreht der Wein in einem mittelgoldenem Gewand seine Runden. Die Nase ist unheimlich vielschichtig, klar und intensiv mit Noten von Zitrone, Quitte, etwas Vanille und gegrillte Ananas. Dahinter viel nasser Stein, Curry, Zitronengras sowie etwas Orangenzeste. 

Am Gaumen zeigt der Wein das, wofür was die Domaine Roulot steht: Eleganz, Tiefe und eine nahezu laserartige Säure. Ein geschliffenes Juwel das neben seiner Eleganz eine subtile Power mitbringt und diese dem Trinkenden speziell am Mittelgaumen zu zeigen weiß. 

Viel Salz, wieder Zitrone und dieser Kuss vom Holz. Wahrscheinlich jetzt auf den Punkt, kann aber durchaus noch fünf Jährchen gehen.      

Eine Bezugsquelle für diesen Wein konnten wir nicht finden, jedoch wer die Domaine Roulot einmal im Glas haben will, gibt es hier den 2011  Meursault "Clos des Boucheres" 1er Cru.

Der Direttore möchte darauf hinweisen, dass wir für Verlinkungen, Verkostungen, etc., keinerlei Geld erhalten.

Donnerstag, 25. Juni 2015

Künstlers Werk und Weiß Erds Beitrag - 2013 Kostheim Weiß Erd Riesling GG Trocken


Der Rheingau erlebt seit einiger Zeit eine beachtliche Renaissance. Während meinem Besuchen dort, verspüre ich eine unheimliche Dynamik, akribische Passion und eine Überraschung nach der anderen. Im Glas. 

Sei es die junge Generation um Mark Barth, Alexander Jung, Max Schönleber. Die wieder Auferstandenen um Achim von Oetinger, Weingut Balthasar Ress in Form von Dirk Würtz. Oder aber die Etablierten der Spitze, welche nochmals durch einen Qualitätssprung ihren Anspruch manifestieren konnten. Bestes Beispiel wäre die 2013er Kollektion vom Weingut Robert Weil, die selbst die größten Kritiker zu überraschen vermochte.

Einer ist aber Jahr für Jahr als Qualitäts-Benchmark gesetzt. Leise, unauffällig, aber mit klarer Aussage und überzeugend konstanter Qualität seines Schaffens. Sein Name ist Gunter Künstler.  

Das Weingut in Hochheim konnte auch in Zeiten glänzen, als der Rheingau sich in einer Art Dornröschen Schlaf befand. Kaum Ausreißer, keine Skandale, kompromisslose Konstanz. Gunter Künstler erlebt man dabei nie als extrovertierten Wein Entertainer, der seine Person besonders in den Vordergrund stellen möchte. Er ist der akribische Weinarbeiter, der den Inhalt der Flasche sprechen lässt. Der Erfolg gibt ihm recht.

Zu seinen bekanntesten Lagen zählen unter anderen die Hölle, das Kirchenstück und der Berg Rottland. Mein ganz persönlicher Lieblingswein des Künstlers, stammt aus der Lage Kostheim Weiß Erd. Geprägt von Kalkmergel, erhält der nach Süden ausgerichtete Hang auf 90 Metern NN, eine sehr hohe Sonneneinstrahlung. Die Reben gelangen mit ihren Wurzeln tief durch den lockeren Boden bis sie auf den kalkreichen, weißen Mergelboden stoßen. 


2013 KOSTHEIM WEIß ERD RIESLING GG TROCKEN
Auffallend kultivierte und galante Nase. Weinbergpfirsich, Granny Smith Apfel, einen Touch Quitte und florale Note nach Holunder. Prägend salziger und kalkiger Einschlag. Alles eher dezent-sortenbetont. Strahlt mehr durch seine Eleganz und Mineralität, bzw. seiner Herkunft. 

Am Gaumen primär edle und weiche Frucht. Saftig und körperreich ohne auch nur ansatzweise fett zu wirken. Unglaublich abgeschliffene und feine Säure. Komplexe Struktur, Alkohol mit 12,5% stimmig eingebaut. Erneut, fabelhafte mineralische Prägung. Schöne Länge im Finish.

Der Weiß Erd ist am absoluten Beginn seiner Karriere und verspricht jetzt schon ein ganz großer zu werden. Grandezza gepaart mit einem auffallenden Herkunftscharakter. Das Attribut „burgundisch“ wird leider  sehr oft inflationär benutzt, hier passt es wie die Faust aufs Auge, eines meiner absoluten Lieblings Grossen Gewächse aus 2013! 

Unter uns Pastorentöchtern, für ein ein Grosses Gewächs dieser Qualität, ist der Preis mit ca. 22€ mehr als fair. Den Weiß Erd gibt es direkt im Online Shop des Weinguts hier.

Der Direttore möchte darauf hinweisen, dass wir für Verlinkungen, Verkostungen, etc., keinerlei Geld erhalten.

Dienstag, 23. Juni 2015

Nightlife Empfehlung Paris: Das unglaubliche Aux Trois Mailletz!


Gestern Nacht war ich zu Gast in dem kleinen Pariser Club Aux Trois Mailletz.

Oben gibt es ein kleines erfüllendes Bistro -grandiose Bourgogne Auswahl- , unten im Keller wird jeden Tag Live Musik gespielt. 

Ein großer langer Holztisch lässt fast alle Gäste gemeinsam vor der Bühne sitzen. Es spielen Musiker und Tänzer aus aller Herren Länder. Senegal, die Elfenbeinküste, Kuba, Georgien, Russland, Serbien und viele mehr. Eines verbindet alle; eine unglaublich intensive, lebensbejahende, exzessive, romantische, erotische und kompromisslose Liebe zur Musik. 

An diesem Abend vergisst man den Beginn und verdrängt das Ende. Das erste Mal seit langem spüre ich die Existenz des Begriffs Gleichheit. Ich tanze mit einer Frau aus Burkina Faso, liege mir mit einem hemmungslos tanzenden Koreaner vor Freude in den Armen, erzähle Leuten aus Marseille Witze (ich kann eigentlich gar kein Französisch), lasse mir von traurigen Geschichten aus Serbien berichten und fühle mich so frei und unbeschwert und der Gleichheit, der Brüderlichkeit so nahe wie schon ewig nicht mehr.

Dieser gestrige, vom zwischenmenschlichen Pathos durchtränkte Mikrokosmos, zeigt wie einfach es gehen könnte!

Hingehen. Leben. Ein Juwel in Saint Germain! 


Anschrift
  • 56 Rue Galande
  • 75005 Paris
Telefon+33 1 43 54 00 79
Webseitehttp://www.lestroismailletz.fr/

Dienstag, 5. Mai 2015

Der Klaus. Der Peter. Der Keller. Hubacker Vertikale 2005 – 2013.



(c) Robert Dieth

von Marc Dröfke
„Prinz von Rheinhessen“, „Hohepriester des Rieslings“, „Winzer des Jahrzehnts“. Über eine zu geringe Anzahl an Lobeshymnen kann sich Klaus-Peter Keller nicht beklagen. Dem, neben Egon Müller, bekanntesten Gesicht in Sachen deutscher Wein eilt sein Ruf entsprechend voraus. Seine Weine, speziell die Großen Gewächse, erfreuen sich von Jahr zu Jahr steigender Nachfrage. Auf dem Sekundärmarkt erzielt kein deutscher, trockener Riesling höhere Preise. 

Die Frage ist jedoch, ob diese Huldigungen auch wirklich angebracht sind? Das versuche ich mir selbst nach jeder Flasche von Klaus-Peter Keller neu zu beantworten. 

Meine bisherigen Erlebnisse (die überschaubar sind) waren eher gespalten. Kirchspiel-Probe vor fast zwei Jahren? Gute, zum Teil aber sehr gefällige Weine. Hubacker aus dem hochgelobten Jahr 2004 war zwar eine deutliche Steigerung zum Kirchspiel. Dennoch, die ganz große Offenbarung blieb bisher aus. 

Neben Zweiflern wie mir, gibt es Fans wie meinen Freund Dirk (nicht Würtz), dessen Weinschrank schon schreit: „Bitte keine Keller Weine mehr!“ Da Dirk für seine Schatzkammer nur das Beste will, hat er sich kurzerhand entschlossen, sie etwas zu entlasten und hat zu einer Art „Frühjahrsputz“ in Form einer Hubacker-Vertikale der Jahrgänge 2005 – 2013 eingeladen. Eine willkommene Gelegenheit, um die These erneut zu überprüfen.

(c) Robert Dieth

Der in Dalsheim liegende Hubacker, ist süd, süd-östliche exponiert und mit einer Neigung von 25 – 30% ausgestattet. Keller und sein Team bewirtschaften hier ca. 4 Hektar aus dem sie jährlich, je nach Jahrgang, 12.000 – 18.000 Liter Riesling erzeugen. 

Die Lage ist seit 1789 im Familienbesitz und dank einer glücklichen Erbfolge bis heute dort verblieben. Der Untergrund wird von einer gelben Kalksteinplatte mit darüber liegenden Schichten von tonhaltiger Erde und Humus geprägt.

Um es vorweg zu nehmen: Die Probe hat mich von meiner Position als Zweifler in Richtung eines Anhängers driften lassen. Nahezu alle 9 Jahrgänge (1/2 Ausnahmen) zeigten sich in hervorragender Verfassung mit einer unglaublichen inneren Dichte sowie hoher Präzision. 

Ebenso sticht das extreme Alterungspotential dieser Weine hervor. Seine wirklichen Stärken kann der Hubacker erst mit einigen Jahren an Flaschenreife so richtig ausspielen, weshalb ich empfehle, eher etwas länger zu warten als zu früh eine Flasche zu öffnen. Keiner der Weine war auf einem absteigenden Ast. Sicherlich sind einige jetzt in einem sehr schönen Trinkfenster angekommen. 

Altersschwäche konnte ich allerdings bei keinem einzigen Gewächs ausmachen. Natürlich ist das stark abhängig vom Jahrgang. Während beispielsweise der 2010er mit einigen zusätzlichen Jahren an Flaschenreife noch zulegen wird, sehe ich das Potential beim 2011er für die „Marathonstrecke“ nicht.

Was zusätzlich auffällt: Keller hat in den letzten Jahren an seiner Stilistik gefeilt und vinifiziert seinen Hubacker trockener, mineralischer, mit weniger Hang zur Gefälligkeit hin. Ich wünsche mir, dass er in Zukunft diesen Weg erfolgreich weiter beschreitet und keinerlei Kompromisse eingeht. Gerade die letzten Jahrgänge sind sehr vielversprechend ausgefallen. 

Man muss sich zusätzlich klar machen, mit welcher akribischen Arbeit die Bereitung dieser Weine verbunden ist.  Es ist wirklich kein Selbstverständnis, jedes Jahr diese Qualität abzuliefern. Und eins sei noch gesagt: trotz für deutsche Verhältnisse hoher Preise, sind diese Weine nicht teuer. 

Schaut man ins Burgund, zahlt man für ungefähr die gleiche Qualität locker 100-150 Euros. In der aktuellen Diskussion über die Durchbrechung der 50 Euro Schallmauer für ein Großes Gewächs halte ich dies für einen nicht ganz irrelevanten Punkt.

Klaus-Peter Keller hat mir dankenswerter Weise nebst Bildmaterial einige Angaben zu den jeweiligen Jahrgängen übermittelt, die im Folgenden neben meinen eigenen Notizen zu sehen sind.


Jahrgang 2005:

KPK: Vollreifes Jahr mit gesunden Trauben, fängt jetzt an richtig gut zu schmecken

Der atypischste Hubacker in der gesamten Verkostung. Sehr viel reife, gelbe und exotische Frucht prägen das Nasenbild. Mango, Maracuja und ein Hauch von Petrol kommt mir in den Sinn. Der Wein ist sehr duftig, einige interpretieren das als „sexy“, mir ist das zu breit. 

Im Antrunk wieder eine leichte Süße, breite Schultern, ist nicht übermäßig komplex und kommt sehr über die Frucht. Nur im Abgang lässt sich eine mineralische Komponente erahnen. Was mich zusätzlich etwas stört ist die doch recht geringe Säure, die zwar gut eingebunden ist, der Süße aber nicht wirklich Paroli bieten kann. Der für mich schwächste Wein der Verkostung. Erinnert an einen fetten Smaragd aus der Wachau.
Punkte: 87/88

Jahrgang 2006:

KPK: Feuchter, warmer Herbst, der Jahrgang entwickelt sich besser, als viele dachten.

Der 2006er ist das genaue Gegenteil des 2005. Die Nase ist sehr zurückgezogen. Plastik, Bitterorange, etwas Zitrone, weiße Blüten und ein ganz dezente Schwefel-Note notiere ich mir auf meinem Zettel. 

Die Säure ist hier viel ausgeprägter, was mir gut gefällt und einen ersten Eindruck auf die folgenden Jahrgänge gibt. Der Wein ist eher schlank und lebt neben seiner Eleganz vor allem von seinem langen Abgang. Ein subtiler Stoff, der einen nicht direkt anspringt sondern den man sich erarbeiten muss.
Punkte: 92

Jahrgang 2007:

KPK: Recht trockenes Jahr mit Bilderbuch Herbst, mit Luft entwickelt sich der Hubi sehr schön.

Wiederum eine eher dezente Nase, obgleich etwas offener als der 06er. Weißer Pfirsich, Vanille, Veilchen, Traubenzucker und etwas kalter Rauch.

Am Gaumen ist der Stoff sehr ausgewogen und rund. Eine leichte Süße wird durch die gut integrierte Säure schön abgepuffert, sehr saftig ohne dabei zu fett zu wirken. Obwohl nicht super komplex und mit der letzten Konsequenz, gefällt mir dieser Wein gut. Kann man jetzt sehr schön trinken.
Punkte: 92

Jahrgang 2008:

KPK: Kühles, feuchtes Jahr mit später Ernte im November. Einer meiner Lieblingsjahrgänge, ganz lange Maischestandzeit, noch etwas grüne Noten aber in 5,6 Jahren wird das ein super Wein mit tollen Alterungspotenzial werden.

Der für mich und viele andere am Tisch beste Wein im gesamten Feld. Eine sehr elegante, kühle Nase mit Aromen von angereiftem Pfirsich, Abrieb von Zitrone und etwas Mirabelle treffen auf eine deutliche Feuerstein Note, viel kalter Rauch, Wiesenkräuter und etwas Salz. Alles wirkt dicht und eng beisammen und gleichzeitig so jugendlich und frisch. Da ist noch ordentlich Potential unter der Haube.

Druck, Zug und eine vibrierende, saftige Säure treffen am Gaumen in einer nahezu perfekten Kombination zusammen. Die längere Maischestandzeit merkt man dem Wein an. Das Mundgefühl ist fest, zupackend, undurchdringlich. Neben all dem Druck und Power lebt dieser Wein aber auch von seiner noblen Eleganz. Ein Bomben-Abgang mit einer schönen salzigen Note am Ende beschließt das Feuerwerk. Ein großer Wein, ohne wenn und aber.
Punkte: 95+

Jahrgang 2009:

KPK: Warmer Herbst mit reifen Trauben, vereint Kraft mit feinem mineralischen Kick im Nachhall.

Zählt für mich neben 2005 und 2011 zu den reiferen Jahrgängen. Das merkt man schon in der Nase, wo der Wein einiges an gelber, reifer Frucht (Marille, Quitte) zeigt. Dahinter verbirgt sich allerdings eine deutliche mineralisch, kräutrige Note. 

Die Säure hält sich eher im mittleren Bereich auf, ist aber sehr schön eingebunden - wie durch die Bank bei allen Weinen. Jahrgangsabhängig zeigt der Hubi hier wieder etwas breitere Schultern, im Abgang, wie von KPK beschrieben, ein schöner mineralischer Nachhall. Auch hier ist noch Potential nach oben da, keine Frage.
Punkte: 91

Jahrgang 2010:

KPK: Großes Jahr für den Hubacker, noch ein Baby.

Leicht zurückgezogene Nase mit viel Kräutern, weißen Blüten, Abrieb einer Zitrone und steinigen Komponenten. Hinzu kommt ein Hauch von frisch angeschnittenem weißem Pfirsich. Sehr filigran und elegant, dabei ganz klar und frisch. Die Frucht findet nur im Hintergrund statt.

Am Gaumen stechen die hohe Säure und der schlanke Körper hervor. Sehr mineralischer geprägter Mittelgaumen. Straffer Zug bis ins Finish. Braucht noch Zeit auf der Flasche.
Punkte: 93+

Jahrgang 2011

KPK: Trockener Herbst mit T Shirt Temps, Passionsfrucht und die feinmineralische Note vom gelben Kalk.

Viel gelbe Frucht in der bereits sehr offenen Nase. Hinzu kommt Vanille, etwas Bratapfel, Aprikose und etwas Honig. Typisch für einen reifen, aber nicht überreifen Jahrgang. Wirkt etwas eindimensional in meinen Augen. 

Ist, wie ich zuerst befürchtete, nicht zu fett geraten, hat aber nicht ganz die Länge. Druck baut dieses GG eher hinten raus auf. Am Mittelgaumen, fehlt mir das Spiel und die Spannung der kühleren Jahrgänge.
Punkte: 90

Jahrgang 2012

KPK: Feine Exotik in der Nase, macht gerade Freude, eher kühles und feuchtes Jahr

Ist noch sehr von der Primärfrucht geprägt. Aprikose, Pfirsich, Litschi, Birne und etwas Holunder treffen auf eine dunkle mineralische Note, die sich aber noch sehr im Hintergrund hält. Die Nase wirkt sehr frisch und sauber herausgearbeitet. 

Für mich am heutigen Tag der Wein mit dem meisten Potential. Unheimlicher Zug am Mittelgaumen, sehr mineralisch geprägt. Die hohe, vibrierende Säure gepaart mit Tonnen von Extrakt verrät, dass dieser Wein noch einen sehr langen Weg gehen kann. Meine Devise: Weglegen, obwohl der Wein mit genügend Belüftung bereits heute gut zu trinken ist. Locker 8-10 Jahre. Und danach das ganz große Riesling Kino erleben bei dem nur wenige mithalten können.
Punkte: 94+

Jahrgang 2013

KPK: Super Jahr, tief mineralisch, mit viel Zug und Länge im Nachhall, noch ein Baby.

Der jüngste Spross der Hubacker Familie (der auf dem Markt ist), präsentiert sich erwartungsgemäß sehr jung und noch nicht ganz beisammen. Aus dem Glas weht ein Mix aus Kräuterwürze, Birne, weiße Blüten, eine frisch gemähte Wiese, etwas Torf und einer rauchigen Komponente. 

Am Gaumen fährt dieser Hubi wieder auf der mineralischen Schiene. Sehr saftige, hohe Säure, bereits in diesem frühen Stadium sehr powervoll und lang. Wird sicherlich noch deutlich zulegen und wird dafür in meinen Augen etwas länger brauchen als der momentan bessere 2012er.
Punkte: 92/93+ 
   

Montag, 30. März 2015

Grosse Gewächse 2013 - ein Querschnitt der Gemütlichkeit, eine Ode an die Deutschen Grand Crus!


von Marc Dröfke
Es gibt ihn. Den gut sortierten Weinfachhändler in meiner Gegend, für den ich nicht 50 km mit dem Auto zurücklegen muss. Zugegeben, ich habe ihn bis zuletzt nicht wahrgenommen. Schade, denn auch ich finde und möchte, dass der regionale Fachhandel unterstützt wird. Soweit dies eben möglich ist. Obwohl der Handel im Internet in meinen Augen ebenfalls seine Vorteile beweist. 

Im Oktober 2013 haben Andreas Herrmann und sein Kollege Antonio Cappadona, „Carpe Noctem“ gegründet und ihr Ladengeschäft in Göppingen eröffnet. Der Fokus liegt ganz klar, regionaltypisch, auf den Gewächsen aus Württemberg, von denen sie eine ganz schöne Bandbreite vorweisen können: Schnaitmann, Ellwanger, Aldinger bis hin zu Krauß, Beurer und Haidle. 

Es ist alles vertreten, was Rang und Namen hat. Die Beiden möchte auch in Zukunft diesen Zweig weiter ausbauen und pflegen, denn der Wein aus dem Ländle liegt ganz besonders am Herzen. Das Sortiment wird komplettiert durch andere deutsche Spitzenwinzer von der Nahe, Rheinhessen, Pfalz und Mosel. Auch einige internationale Platzhirsche fehlen auf der zum Teil moderat bepreisten Liste nicht. Den Bärenanteil stellt aber der deutsche Wein. Und das ist gut so. 

Neben dem Verkauf werden im Laden hin und wieder auch Proben organisiert. Zum Teil kommt der Winzer direkt vorbei und präsentiert seine Weine (letzter Besucher war Gert Joachim Aldinger). Oder es gibt zu einem gewissen Themengebiet eine Verkostung durch die die beiden Inhaber fachgerecht führen. Und so war mein erster Besuch mit einer Probe, einer ansehnlichen Anzahl an Großen Gewächsen aus dem (noch) aktuellen Jahrgang 2013, verbunden. 

Über 2013 wurde im allgemeinen schon viel gesagt und geschrieben, weshalb ich mich auf meine subjektive Wahrnehmung dieser „Grand Crus“ Deutschlands beschränken möchte. Es dreht sich bei den folgenden Weinen ausnahmslos um Gewächse aus der Riesling Traube. Alle Flaschen wurden 3-5 Stunden vor dem Genuss geöffnet und doppelt dekantiert. Diese Vorgehensweise ist dem noch relativ jungen Alter geschuldet. Wir verkosteten alle Großen Gewächse der Weingüter Schäfer-Fröhlich/Nahe, A.Christmann/Pfalz, Wagner-Stempel/Rheinhessen sowie R. Schnaitmann/Württemberg und des württembergischen Shootingstar Jochen Beurer


Den Anfang machten die beiden, sich doch recht deutlich voneinander abhebenden, Weine von Wagner-Stempel. Wer einen genauen Jahrgangsbericht des Weingutes haben will, kann diesen hier nachlesen. Der Höllberg wirkt in der Nase schon sehr offen mit viel reifer, gelber Frucht, reifer Aprikose, Grapefruit und etwas Honig sowie einen Hauch Vanille. Im Antrunk ist der Wein sehr saftig, mit etwas breiteren Schultern und einem schönen Schmelz. Die Säure ist bereits gut eingebunden. Was mir etwas fehlt, ist die Länge. Im direkten Vergleich wirkt der Heerkretz bei weitem noch nicht so weit wie sein Bruder. In der Nase versprüht er zwar ebenfalls schon die ersten exotischen Noten von Maracuja, Ananas und etwas reifem Pfirsich. Das Ganze wird aber unterlegt mit einem kräftigen Schuss Kräuter und Gesteinsmehl und einer leicht hefigen Komponente. Alles ist unglaublich dicht und fest und will noch nicht so ganz. Am Gaumen wirkt der Wein zunächst sehr kühl und zurückhaltend, doch dann kommt die massive Säure daher wie ein Vorschlaghammer. Bumm! Unglaublich viel Druck und Zug hinten raus. Bleibt lange stehen. Keine Frage, das kann eine richtig große Nummer werden. Time will tell. 


Es ging weiter mit den Weinen von VDP-Präsident Steffen Christmann. Dabei ist der Langenmorgen der offenste Wein des verkosteten Quintetts. Viel klare Frucht in der Nase unterlegt mit etwas Kräuterwürze. Am Gaumen sehr saftig mit einer recht hohen Säure, wird aber mit etwas mehr Zeit im Glas immer harmonischer. Der Mandelgarten ist hingegen feingliedriger und eleganter. Gleichzeitig sehr fest, straff und jugendlich wirkend. Hat viel Potential unter der Haube. Nach dem Idig der beste Wein aus der Palette von Christmann. Über den Reiterpfad kann ich nicht viel berichten. Er zeigt sich unglaublich verschlossen. Irritierend ist die niedrige Säure im Vergleich zu seinen vier Kollegen. Auch hier gilt es zu warten. Christmanns Paradewein Idig ist ein kühles, dunkles Geschoss mit einer verhaltenen Nase, die noch nicht alles von sich preisgibt. Frisch angeschnittener weißer Pfirsich, Zitronenabrieb und (witzigerweise) eine leichte Karamalz-Note werden begleitet von einer starken Gesteinsmehl - Komponente. Am Gaumen ist alles an seinem Platz, ohne unnötig herauszustechen. Die Säure ist sehr gut eingebunden. Eine herrliche salzige Note gestaltet das lange Finale. Müsste ich diesen Wein mit einem Wort beschreiben, wäre es: Balance. 

An den GGs von Tim Fröhlich scheiden sich meist die Geister. Die einen lieben diesen extremen Stil, den Fröhlich seit einiger Zeit fährt. Den anderen sind die Weine zu „gemacht“, zu viele Gestank von der Spontangärung, die hier ausgereizt wird wie bei kaum einem anderen Weingut an der Nahe, ja in ganz Deutschland. Durch das frühzeitige öffnen, sowie doppelt dekantieren der Weine hielten sich die „Stinker“ in Grenzen. Bei dem einen Wein waren sie präsenter, bei dem anderen wieder weniger. Das Frühlingsplätzchen präsentierte sich als zugänglichster Wein der Runde mit einer leichten exotischen, gelbfruchtigen Note in der Nase. Daneben leicht rauchige Aromen. Am Gaumen wirkt der Wein nicht ungestüm, sondern eher mit abgerundeten Kanten. Die Länge ist gut, aber nicht sensationell. Die Kupfergrube hat viel Kräuterwürze, dazu gesellen sich weißer Pfirsich und etwas Stahl. Am Gaumen unglaublich hohe Mineralität gepaart mit einer sehr hohen Säure, die aber geschliffen wirkt und den Wein im langen Finale zusammen hält. Toll! Komplex und in sich ruhend. So beschreibt sich der Halenberg wohl am Besten. Da ist viel Zitrus neben dem omnipräsenten weißen Pfirsich und rauchigen Noten. Im Mund fällt der Wein sehr saftig und ausgewogen aus. 

Eines der komplettesten Gesamtpakete an diesem Abend präsentiert der Felsenberg. Zunächst die beschriebene Sponti-Nase. Dahinter Kümmel, Stahl, Zitronenabrieb sowie eine leicht hefige Komponente. Mit mehr Zeit im Glas öffnet sich der Wein mehr und mehr und gibt etwas von der Frucht frei, die sich unter der Oberfläche verbirgt. Leicht süßlich im Antrunk, eher schlanke und feine Struktur bei gleichzeitig viel Extrakt und Spiel. Das lange, salzige Finale rundet das Paket ab. 

Über das Große Gewächs aus dem Stromberg hatte ich bis zu dieser Probe nicht sonderlich viel gelesen. Es ist aber definitiv ein Stoff den man sich auf den Radarschirm holen sollte, wenn man Anhänger von kompromisslosem Riesling ist. Der Wein ist noch sehr verschlossen und zeigt nur im Ansatz seine Stärken, die er in fünf Jahren sicherlich ausspielen kann. Nahezu keine Frucht, wenn man den Riechkolben bedient, nur Gesteinsmehl, Feuerstein und kalter Rauch. Sehr karge Stilistik, die einem zusagen muss. Super hohe Säure, Mineralik pur, Zug, Druck, Spannung. Es ist alles vorhanden, um ein richtig großes Feuerwerk abbrennen zu können, aber das Kunstwerk muss sich noch finden. Einziger Kritikpunkt: Er weist nicht die absolute Länge im Abgang auf. 

Das Flagschiff aus dem Sortiment von Schäfer-Fröhlich ist ohne Zweifel der Felseneck. Er gehört für nahezu alle Experten immer unter die Top 10 der trockenen deutschen Rieslinge. Jahr für Jahr. Der 2013er weist in der Nase die deutlichste Sponti-Note der Verkostung auf. Darunter dann viel Kräuterwürze, nasser Stein, Zitronenabrieb, etwas Grapefruit, Meersalz sowie ein Hauch von Minze. Am Gaumen trifft brutale mineralische Kraft auf eine hohe, aber dennoch reife Säure. Sehr steinig, intensiv, komplex und mit einem minutenlangen Nachhall, sowie einer unfassbaren Salzigkeit, die ewig auf den Lippen zu verbleiben scheint. Ein wahrlich GROßES Gewächs. 


Die Ganze Kollektion von Fröhlich empfand ich als außerordentlich gut. Es ist durchweg eine klare Linie zu erkennen, wobei jeder Wein auf seine Art überzeugt. Zum Abschluss der Probe mussten sich die in Württemberg heimischen Gebinde noch dem direkten Vergleich unterziehen. Den Anfang machte dabei der Uhlbacher Götzenberg von Rainer Schnaitmann. In der Nase eine ungewohnt anmaßende Kombination aus süßlicher Frucht, die etwas kitschig wirkt, etwas Hefe, Traubenzucker und (komisch?) Rinderbrühe. Ehrlich: Not my cup of tea. Am Gaumen dann (glücklicherweise) ein anderes Bild. Eine gute Balance zwischen der Frucht und einer reifen, hohen Säure die sich mit der Zeit noch etwas besser integrieren wird. Der Wein wirkt zwar nicht besonders fest, aber hat durchaus eine gewisse Vielschichtigkeit. 

Der Counterpart Lämmler Bergmandel, ebenfalls aus dem Hause Schnaitmann, ist ein ausgewogener Wein mit einer schon recht offenen, sehr feinen Nase, die nebst Quitte, Marille und Ananas etwas Vanille aufweist. Auch im Mund setzt sich dieser „runde“ Eindruck fort. Hat nicht ganz die Länge seines Bruders, ist dafür aber jetzt schon deutlich bekömmlicher. 


Die letzte Flasche des Abends war für mich persönlich die größte Überraschung. Zwar hatte ich bereits die Lobeslieder auf Jochen Beurer vernommen (u.a. Weißweinkollektion des Jahres 2015 im Eichelmann). Dennoch war ich skeptisch, ob im Schwabenländle Riesling erzeugt werden kann, der mit den ganz, ganz Großen mithalten kann. Was Beurer allerdings in Form seines Stettener Pulvermächer auf die Flasche gezogen hat, zerstreut jeden Zweifel. Diese wunderbare Kühle und Frische bringt Schnaitmann so nicht ins Glas. Auch die Konzentration, Spannung und der Druck am Gaumen sind hier noch eine Stufe ausgeprägter. Dabei wirkt der Wein gleichzeitig sehr leicht und tänzelnd. Wirklich großartig. 

Das abschließende Fazit fällt recht leicht. In der gesamten Probe habe ich keinen Wein getrunken, den ich als unterdurchschnittlich empfand. Alle Großen Gewächse hatten ein durchgehend hohes Niveau, es gab keinen wirklichen Ausfall. Die Spitze zeigte sich enorm stark. Weine die sich vor keiner internationalen Konkurrenz fürchten müssen, denn sie sind mit genügend Substanz ausgestattet, um einen langen Weg zu gehen. Das Alterungspotenzial gehört in meinen Augen nämlich zu den entscheidenden Kriterien, wenn die Rede von einem lediglich sehr guten oder einem großen Wein ist. Die 2013er haben in jedem Fall das Zeug dazu, zu den letzteren zu gehören.



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Freitag, 6. März 2015

Madame Occhipinti und Ihr Gespür für Biodynamik - 2012 Arianna Occhipinti – SP68 Bianco

von Marc Dröfke
Nachdem ich das letzte Mal von Frank Cornelissen berichtet habe, möchte ich noch etwas auf Sizilien verweilen, um mich einer Produzentin zuzuwenden, von der ich bereits einmal kurz berichtet habe und mittlerweile ein richtiger Fan geworden bin. Dazu geht es nach Vittoria, in den Süd-Westen der Insel, etwa zweieinhalb Autostunden von Palermo entfernt. Seit gut 11 Jahren bewirtschaftete Arianna Occhipinti hier ihre Rebstöcke. 

Mit dem 2014 Jahrgang feierte sie ihr 10 Jähriges Jubiläum. Ihr Antrieb: Weine aus den autochthonen Rebsorten der Insel zu keltern, um dem sizilianischen Wein ein Profil zurück zu geben, das er ihrer Meinung nach zu verlieren drohte. Dabei greift sie nur sehr behutsam in die Natur ein und kreiert so einen biodynamischen Zugang. Aber schön der Reihe nach. Mit nur 16 Jahren begleitet die junge Arianna ihren nicht gerade unbekannten Onkel Giusto Occhipinti, Eigentümer der Azienda Agricola COS, auf die Vinitaly. Ihrer eigenen Erzählung nach, um vor allem 4 Tage Schule zu schwänzen. 

In den Tagen der Messe entdeckt sie eine völlig neue Welt für sich. Nicht nur der Wein selbst war dafür ausschlaggebend, sondern eher der Umgang der Leute im Weingeschäft untereinander und ihre gemeinsame Faszination für das Produkt. Wieder daheim in Sizilien, reifte in ihr nach und nach der Gedanke, dass Wein für sie eventuell mehr bedeuten könnte als nur ein Getränk. Sie entschied sich, nach Mailand zu gehen und dort Önologie zu studieren. In vielerlei Hinsicht ist ihr das Studium dabei zu technisch. Chemie im Labor entspricht nicht ihrer Vorstellung der Arbeit eines Winzers. Doch sie kämpft sich durch und kehrt mit dem Diplom in der Tasche zurück auf die Insel. Kurz zuvor kauft sie dort einen Hektar Land und bepflanzt es mit den heimischen Rebsorten Frappato und Nero d´Avola, um erste eigenen Schritte zu gehen. 

Im September 2004 erntet sie die Trauben für ihren ersten Jahrgang. Sehr bald wird der mittlerweile verstorbene Joe Dressner, ein amerikanischer Importeur, auf sie aufmerksam. Louis/Dressner Selections besitzt in den USA einen sehr guten Ruf und hat in Bezug auf biodynamisch hergestellten Wein eine Vorreiterrolle. Occhipintis Weg ist geebnet. Allerdings übertrifft der anschließende Hype eindeutig ihre eigenen sowie Dressners Erwartungen. 

Der Trubel um ihre Person wird manchmal zu viel. Auch mit Erfolg, so schön er auch sein mag, muss man lernen umzugehen. Dieser begründet sich auf mehreren Faktoren. Erstens: Sie ist eine Frau. Das mag sich im ersten Moment etwas machohaft anhören, aber im italienischen Süden laufen die Uhren zu einem gewissen Grad noch anders. Emanzipation wird dort bei weitem nicht so groß geschrieben wie in Deutschland. Umso größer war das Risiko zu scheitern. Zweitens: Ihr gutes Aussehen. Wieder klischeehaft, aber Arianna Occhipinti ist das archetypische Abbild einer Sizilianerin. Fast schwarze Haare, dunkelbraune, mandelförmige Augen, leicht heisere Stimme und ein markantes Lachen. Ich bin hundertprozentig davon überzeugt, dass dies ein nicht zu unterschätzender Grund ist. Und zu guter Letzt: Ihr eigener Stil. Eine Rückbesinnung zu den Ursprüngen der sizilianischen Winzerkunst. Pur, ehrlich, frisch, klar definiert. Dabei aber nie die nötige Tiefe vermissen lassen. Weg von den dicken, meist aus internationalen Rebsorten gekelterten Brummern, die lange das Bild vom sizilianischen Wein geprägt haben. 

Ein Paradebeispiel aus ihrem Sortiment: Der Frappato. Im weitesten Sinne die italienische Antwort auf einen richtig guten Cru aus dem Beaujolais. Heute soll es aber speziell um ihren einzigen Weißwein gehen. Der SP68 Bianco ist das Gegenstück zum roten SP68, den ich hier bereits vorgestellt hatte. Der Name SP68 bezieht sich auf die Strada provinciale 68, die unmittelbar neben den Weingärten von Occhipinti nach Vittoria verläuft. 

Dieser Weißwein wird zu gleichen Teilen aus Albanello sowie Moscato di Alessandria (auch bekannt als Zibibbo) gewonnen. Im Glas dreht ein Wein in intensivem Blassgold seine Kreise. Die Nase ist sehr duftig, hier spielt der Zibibbo seine Stärke aus. Es dominieren reifer, weißen Pfirsich, Zeste von Zitronen sowie Orangen, Litschi, Akazienhonig und ein Strauß von weißen Blüten. Am Gaumen ist der Stoff weniger aromatisch, sondern kommt eher über die kräutrige, mineralische Schiene. Er wirkt frisch, nicht zu schwer (12,5 Alk.) und weist eine gute Struktur auf. Im langen Finish findet sich ein schöner, bitterer Unterton am Ende. Was mir fehlt, wie in nahezu allen italienischen Weißweinen, die ich bisher probiert habe, ist die Säure. Das sollte diesem Wein allerdings nicht wirklich negativ angekreidet werden, denn hohe Säurewerte sind in diesen südlichen Gefilden sicherlich besonders schwer zu erreichen.

Hier für ca. 17€ hier zu beziehen.
Der Direttore möchte darauf hinweisen, dass wir für Verlinkungen, Verkostungen, etc., keinerlei Geld erhalten

Dienstag, 17. Februar 2015

Natural Wine, der Etna und ein Belgier, Consigliere Dröfke Zusammenfassung des Unmöglichen

von Marc Dröfke
Natural Wine. Frei übersetzt heißt das „Natürlicher oder Naturwein“. Was ist aber natürlicher Wein? Was darf rein? Was nicht? Ein Dilemma. Niemand weiß genau, was unter diesem Begriff gemeint ist, denn er wurde bisher nirgendwo richtig definiert. Jeder Einzelne hat meist eine ganz eigene Auffassung, was sie/er darunter versteht.

In einem Punkt scheinen sich jedoch alle einige zu sein: wer einen Natural Wine, Vin Naturel oder eben Naturwein herstellt, verzichtet möglichst auf allzu große Eingriffe. Nutzung von chemischen Herbiziden im Weinberg ist ebenso tabu, wie die Verwendung von irgendwelchen Schönungsmitteln im Keller. Spätestens aber wenn es um den Einsatz von Schwefel geht, scheiden sich die Geister.

Vorweg: Es gibt keinen Wein gänzlich ohne Schwefel, denn unter normalen physiologischen Bedingungen bildet sich bei der Gärung immer eine vernachlässigbare Menge davon. Fakt ist ebenfalls, dass dieses Chalkogen einen Wein stabilisiert und haltbar macht. Gewächse, die nicht geschwefelt werden, haben ab und an das Problem, dass sie sich zu ihrem Nachteil in der Flasche weiterentwickeln. Sie können dann ungenießbar sein, riechen und schmecken mehr nach Jauchegrube als nach Wein.

Nichtsdestotrotz gibt es eine Hand voll Winzer, die dieses Risiko eingehen. Frank Cornellisen ist einer von ihnen. Seine Weine hatte ich schon seit einiger Zeit auf dem Schirm. Ich muss aber gestehen, dass mich einige negative Berichte in Kombination mit dem relativ hohen Preis bisher davon abgehalten haben, den Stoff etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Umso erfreuter war ich, als ein Freund eine Flasche des Contadino 8 aus dem Jahrgang 2010 bei unserer letzten Weinrunde auf den Tisch stellte. Es war mit Abstand der am meist diskutierte Wein des Abends. Denn er hatte einerseits einige sehr interessante, fordernde Komponenten, anderseits auch einen Fehler, der sich nicht so einfach wegdiskutieren lässt. Dazu später mehr.

Cornelissen war schon immer ein Grenzgänger. Einer der sich am äußersten Rand der Nische bewegt und bis heute zu polarisieren weiß. Seine Methoden sind ebenso kompromisslos, wie die harte Kritik, die er ab und zu einstecken muss. Der aus Belgien stammende Cornelissen kommt ursprünglich nicht aus einer Winzerfamilie. Allerdings kam der junge Frank bereits im zarten Alter von 8-10 Jahren in Berührung mit Wein. Sein Vater war ein Sammler alter Gebinde, die er mit seinem Sohn teilte. Witzigerweise waren dessen ersten Schritte in der Wein-Welt mehr geprägt von den alten Klassikern wie Bordeaux, Burgund und Barolo anstatt von Nischenprodukten, wie er selbst heute eines herstellt.

Zunächst wollte er sein Leben nicht komplett dem Wein verschreiben, aber dennoch damit zu tun haben. Sein Job als Berater in der Branche war da genau das Richtige. Hierbei hatte er nebenbei die Möglichkeit, sich einen großen Erfahrungsschatz „antrinken“ zu können. Nach und nach reifte in ihm allerdings der Wunsch, es auf der produktiven Seite zu versuchen. Seine endgültige Entscheidung einen eigenen Wein zu machen, beschreibt Cornelissen als eine Kombination aus der Liebe zur Natur, seinem gastronomischen Background und seiner Liebe zum Wein. Nur wo war die Frage. Nach einiger Nachforschungsarbeit, welches Territorium am besten zu seiner Vorstellung von Wein passt, landete er schlussendlich in Sizilien, genauer an der nördlichen Seite des Ätnas. Angefangen hat er im Jahre 2001 mit lediglich einem halben Hektar, mittlerweile sind es ca. 18 an Weingärten.

Sein Ziel, das ihm vor Augen schwebte: Einen ultimativen Terroir-Wein nur aus den Trauben seiner Weinberge zu erzeugen und dabei nichts hinzuzufügen. Weine ohne „Korrekturen“ sind seiner Meinung nach ehrlicher und können den Weinberg sowie den Jahrgang besser wiedergeben. Cornelissen sagt selbst über seine Weine, dass sie eine gewisse Evolution durchgemacht haben. Die ersten Jahre wäre er ein sehr provokatives Programm gefahren, bei dem er eher darauf geachtete habe, was er nicht in seinen Gewächsen haben wollte anstatt was er eigentlich mochte. Die Weine waren deshalb sehr oxidativ, kaum mit Frucht versehen und entsprechend nicht besonders zugänglich bzw. genussvoll für den Konsumenten.

Jedoch wären sie in einer gewissen Weise nötig gewesen um den Weg zu seinen heutig produzierten Weine zu finden. Diese seien präziser, klarer im Ausdruck und würden mehr Trinkfreude bereiten. Ob diese These richtig ist, hinterfragt regelmäßig ein nicht gerade kleiner Teil der Weintrinker, die sich den Gebinden widmen. Bei keinem Stoff über den ich bisher recherchiert habe, gingen die Meinungen so weit auseinander. „Schrecklich, anstrengend, eher für den Ausguss als für den Gaumen“ sind nur ein paar der negativen Aussagen, die ich gelesen habe. Allerdings gibt es auch positive Äußerungen, die von Weinen sprechen, die sehr genau ihre Herkunft widerspiegeln und mehr durch Finesse bestechen. Sie mögen zwar diskutierbar sein, aber am Ende besitzen sie durchaus ihre Berechtigung.

Was ich persönlich für problematisch halte, sind die auftretenden Veränderungen bei falscher Lagerhaltung. Laut Etikett sollte man den Wein nicht über 16 Grad lagern, denn er kann sich dann zu seinem Nachteil verändern. Nur wer kann eine durchgängige Kühlkette vom Weingut bis zum Konsumenten garantieren? Den Ärger hat dann der Endverbraucher, wenn er daheim eine Flasche aufzieht und merkt, dass der Wein hinüber ist. Und wir sprechen hier von Weinen in einer Preiskategorie von 17 Euro für den Einstiegswein bis zu satten 110 Euro für den Top-Wein Magma.

Cornelissens Erfolg scheint das nicht zu beeinträchtigen. Er ist regelmäßig ausverkauft, seine Gewächse sind sehr nachgefragt in der Pariser sowie New Yorker Weinszene (interessant: Cornelissens größtes Abnehmerland ist Frankreich) und auch in Japan. Ob dies in Verbindung mit seiner japanischen Frau oder seiner Bewirtschaftungsweise nach Fukuoka steht, wird ihm herzlich egal sein.

2010 Frank Cornelissen – Contadino Etna Rosso
Im Glas ein Stoff, der dem Begriff „Naturwein“ alle Ehre macht. Wolkig, undurchsichtiges, helles Rot. Ändert mit der Zeit seine Farbe und wirkt dunkler. Verrücktes, unnormales, polarisierendes Nasenbild. Ein Mix aus Erdbeere, sauren Drops, kalter Rauch, Essig, brauner Bananenschale, Minze, Espresso und einer etwas erdigen, pilzigen Komponente. Erst im Hintergrund, dann aber immer stärker werdend: Eine Note nach Nagellackentferner (Aceton).

Meine bisherige Erfahrung war, dass sich diese Note in Verbindung mit Luft relativ schnell verflüchtigt. In diesem Fall wurde sie leider immer penetranter. Eindeutig ein Fehler. Selbst nach zwei Stunden in der Karaffe keine Besserung in Sicht. Schade. Am Gaumen wirkt der Wein sehr leicht, Tannine sind aber spürbar. Wieder Erdbeere, Balsamico und etwas Kaffee. Die Säure befindet sich im oberen Level, trotz dieser Leichtigkeit erstaunliche Länge.

Weine gibt es hier
Der Direttore möchte darauf hinweisen, dass wir für Verlinkungen, Verkostungen, etc., keinerlei Geld erhalten.