Montag, 7. April 2014

Das pfälzer Einhorn - Koehler-Ruprecht und seine Auslese „R“ aus dem Jahre 1998


Von Marc Dröfke
Seit geraumer Zeit, ungefähr August des vergangenen Jahres, geistern auf den einschlägigen Twitter und Instagram Accounts der führenden Sommeliers der USA sogenannte „Unicorn Wines“ umher. Um die entsprechenden Flaschen zu kennzeichnen wird der Hashtag #unicornwine verwendet. 

Zu aller erst habe ich mich gefragt: Was soll der ganze Blödsinn? Was bedeutet „Unicorn“ überhaupt? Übersetzt bedeutet es Einhorn. Ja genau, das Pferd mit dem Horn auf dem Kopf. Hä? Und was hat das Vieh bitte mit Wein zu tun?

Einhörner haben angeblich etwas Mystisches an sich und gelten in Sagen als Tiere, die sehr selten vorkommen. Die Vermutung liegt nahe, dass der entsprechende Wein einfach schwer zu finden und sehr teuer sein muss.

Die Sommeliers definieren es etwas anders. Der Stoff muss nicht zwingendermaßen sehr teuer sein, die Verfügbarkeit jedoch sehr knapp. Rajat Parr, u.a. Weindirektor der Michael Mina Group, beschreibt das Phänomen wie folgt: "A wine that is rare, not seen much, special bottlings. Not always the most expensive but just hard to find."

Andere Erklärungen von anderen Somms sehen so aus:
 "You feel genuinely uncomfortable when opening because it may never happen again." (Chad Zeigler)
"The winemaker is no longer with us or retired." (Rajat Parr)
"If you have to ask, it ain't Unicorn." (Levi Dalton)
Wen es interessiert was für die Jungs und Mädels so alles unter die Rubrik „Unicorn-Wine“, fällt der soll einfach mal auf Twitter bzw. Instagram nach dem Hashtag suchen.

Einen Wein der für mich unter diese Kategorie fällt, möchte ich hier heute vorstellen. Dazu fahren wir nach Kallstadt in die Pfalz, zu einem der renommiertesten Weingüter ganz Deutschlands. Die Rede ist vom Weingut Koehler-Ruprecht. Innerhalb des Betriebs gilt es einen Namen nochmals deutlich zu unterstreichen: Bernd Phillipi.

Phillipi, der im Jahr 1986 das elterliche Weingut übernahm und von dort an von Erfolg zu Erfolg eilte. Vor allem die überaus lagerfähigen Rieslinge, ganz besonders die trockene Spätlesen und Auslesen, erringen rasch einen Ruf wie Donnerhall. Denn die ganz und gar handwerklich bereiteten Weine, die langsam im Holzfass reifen, entwickeln sich auf der Flasche so gut, dass sie oft erst nach fünf oder gar zehn Jahren ihre volle Komplexität ausspielen.

Die Weine von vielen anderen Pfälzer Weingütern sind nach so vielen Jahren längst verblasst. Doch Zeit ist ein Mittel mit dem in diesem Weingut Wunder vollbracht werden. Seit 2 Jahren ist Phillipi allerdings nur noch beratend auf dem Gut zuständig. Die Qualität der Weine scheint darunter, so viel man hört, etwas gelitten zu haben. Allerdings habe ich selbst noch keine Koehler-Ruprecht Weine aus den aktuellen Jahrgängen getrunken und konnte mir so keine explizite Meinung zu diesen Vorwürfen bilden.

Die bekannteste Lage ist der „Kallstadter Saumagen“ aus der das Weingut ausschließlich seine Top-Weine keltert.

In sehr guten Jahrgängen wird eine besonders trockene Spät- sowie Auslese „R“ produziert. Diese Weine sind nur in geringer Anzahl zu finden, denn es werden nur wenige Fässer, respektive Flaschen, von diesem Kultstoff gefüllt. In der Regel sind diese Flaschen schon kurz nach der Veröffentlichung restlos ausverkauft. Eine Spätlese “R” kommt 4 Jahre nach der Lese der Trauben auf den Markt, eine Auslese “R” erst nach 6. 

Die von mir getrunkene Auslese „R“ aus dem Jahre 1998, wurde im Rahmen einer Best-Bottle Probe geöffnet und ungefähr eine Stunde vor dem probieren in eine Karaffe gegeben. Der Wein markierte, zusammen mit einem Riesling Smaragd aus der Lage Dürnsteiner Kellerberg vom Wachauer Produzenten F.X. Pichler, den ersten Flight dieser Probe und legte die Latte für alle darauffolgenden Gewächse sehr hoch.

In einer sehr intensiven, goldenen Farbe zeigte sich der Stoff im Glas. Keine Anzeichen von Altersschwäche (nach 16 Jahren). Die Nase präsentiert sich exotisch mit Aromen von Mango, Papaya, Marille und reifem Pfirsich. Daneben ein Busch voll Kräuter, Akazienhonig, etwas Salbei und einen Hauch von Zimt. Die wirkliche Bombe zündet der Wein am Gaumen. Unglaublich konzentriert und cremig, nimmt der Stoff jeden Millimeter des Mundes ein, wirkt dabei aber niemals zu opulent oder gar überladen. Nein, er zeigt sich unheimlich elegant, sanft aber gleichzeitig so vibrierend. Die Säure bleibt dabei im mittleren Bereich. Am Mittelgaumen zeigt der Wein noch eine sehr schöne mineralische Komponente, die übergeht in ein nahezu endloses Finale.

Ein Monument deutscher Winzerkunst und der beste Riesling, den ich bisher genießen durfte.

Der Spender dieser Auslese öffnete am Ende der Probe noch den Eiswein des Weingutes, ebenfalls aus dem Jahre 1998, der die Einzigartigkeit dieser Weine nochmals untermauerte. Natürlich vom Stil her ein ganz anderer Saft, zeigte er die perfekte Symbiose von Säure und Restzucker und schloss diese großartige Probe.   
  
 

Dienstag, 18. März 2014

Weingut Robert Weil - Weils die Weine einfach wert sind


von Philipp Erik Breitenfeld
„Legenden und Märchen sind oft näher an der Wirklichkeit als amtliche Verlautbarungen.“ Was der gute alte Heinrich Albertz schon wusste, fand ich vor einigen Wochen in Kiedrich heraus. Dirk Würtz und ich sind seit Beginn des Jahres auf großer Weinkult(o)ur. Wir besuchen einige der renommiertesten Weingüter Deutschlands, um zu verstehen, dass man ganz schon viel hinter sich lassen muss, um zu erkennen wo vorne ist.

So führte unsere letzte Station zum legendären Weingut Robert Weil im Rheingau. Über den Fachwerkhäusern Kiedrichs thront gefühlt eines der wenigen Deutschen Weingüter mit Chateaucharakter. Seit 140 Jahren wird hier Wein produziert. Am südlichen Ausläufer des Taunusgebirges bringt man es auf „romantische“ hunderttausende von Flaschen Wein pro Jahr. Wilhelm Weil, der Urenkel des Firmengründers Robert Weil, schwingt hier das vinophile Zepter.

Weil ist eine echte deutsche Weinmarke. Angefangen von der Basis bis hin zu dem Grossen Gewächs, Weils Weine findet man weltweit in jeder Gastronomie, die etwas auf sich hält. Die Definition  ‚Deutscher Riesling’ ist im Ausland kaum vom Weingut Robert Weil zu trennen.

Hin und wieder werden vor allem im Netz Kritiken laut. Der Basisriesling würde seinem Preis qualitativ nicht gerecht, das Renommee spiegele nicht den Flascheninhalt wieder und auch ansonsten wissen viele der eingefleischten Weinfreaks über würdige Thronfolger bereits genauestens Bescheid. Auch ich muss zugeben, dass sich mir die Weine von Weil jung nicht gleich erschließen. In der spätpubertären Jungbloggerzeit war es zudem ein Muss, der Welt zu erklären, dass man günstigeren und höherwertigen Spaß im Glas haben könne.

Umso wichtiger war dieser Besuch. Entgegen der Annahme, man träfe hier auf eine Art affektierte und blasierte Selbstzufriedenheit, heißt mich ein tiefenentspannter und warmherziger Wilhelm Weil willkommen. Ein Mann, der etwas zu sagen hat. Sogar sehr viel. Ein Macher, den man durchaus  Traditionsbewusstsein und seine Liebe zur Herkunft abnimmt. Natürlich wird das Ganze entmystifiziert durch eine hochmoderne und technisch komplexe Kelleranlage. Die Romantik liegt eher an der Aussicht auf den Kiedricher Gräfenberg. Die wiederum ist einmalig.

Nun nehme ich aufgeschlossene Winzer durchaus sympathisch zur Kenntnis, jedoch wird am Ende immer das Ergebnis im Glas entscheidend sein. Was steckt hinter dem Mythos Robert Weil? Mehr Luft als Komplexität? Mehr Name als Substanz?

Dirk und ich erleben eine Vertikale des Grossen Gewächses (ehemals Erstes Gewächs) vom Kiedricher Gräfenberg. Den Beginn macht der 2001er Kiedricher Gräfenberg. Herrlich reifes Steinobst, elegante Quitte, das Ganze sehr balanciert mit einer kecken Säure, sowie einer vollen und delikaten Frucht. Der Wein wirkt nobel und aufgeräumt. Weiter geht es mit dem spannenden und sicherlich polarisierenden 2002er Reserve Kiedricher Gräfenberg. Hefig brotig in der Nase. Feine Nuancen von Röstaromen, nussige Töne und ein amüsanter Eindruck von nasser Wellpappe. Am Gaumen auffallend ausdrucksstark. Straff, stoffig, rauchig und edelherb im nachhaltig langen Finish.

Ich konnte schon erahnen, dass diese Herkunftsweine Zeit brauchen und dass es, wie bei so vielen Gewächsen, eine absolute Verschwendung wäre, würde man sie jung der geneigten Leber zum Trunk vorsetzen.

Restlos überzeugen konnte mich der 2004er Kiedricher Gräfenberg. Wenn es die Definition von einem perfekten Riesling gäbe, dann käme für mich dieser Wein sehr nahe heran. Fantastische Würze in der Nase. Rauchige Noten mit gereiften Aprikosen und einem nussigen Einschlag voller Eleganz. Am Gaumen eine absolut klare und edle Frucht. Unheimlich feingliedrige Struktur. Komplex und tief. Von Mineralik geprägt. Ergreifend animierend. Lang und einprägend. Nahezu Riesling in Perfektion. Würde mich jemand zur Bepunktung zwingen, dies wäre ein 99 Punkte Wein für mich.

Beim 2006er Kiedricher Gräfenberg wirkt die Nase noch etwas verschlossen. Am Gaumen jedoch erweist sich der Wein als druckvoll, stoffig mit einer reizenden Säure. Hier auch wieder die feine und animierende Mineralität. Er enthält  viel Substanz. Trocken mit einem herben langem Finish.

Dies waren die Highlights der Kiedricher Gräfenberg Vertikalen an diesem Abend. Am Ende Bedarf es nicht dem rebellischen Verriss. Man darf durchaus feststellen, dass die Weine ihrem Ruf gerecht werden. Aber kontemporärer Weinbau und traditionelle Größe müssen sich nicht widersprechen. Die Existenz des jeweils anderen kann der Gesamtperformance des Deutschen Weinbaus nur gut tun.

Wir können in Deutschland durchaus froh sein um Weingüter wie Robert Weil. Sie sind es, die den Ruf des Deutschen Rieslings in die Welt tragen und damit ambitionierten jungen Weingütern den Weg in Richtung Zukunft frei machen. Wie in einer diplomatische Synergie, steht am Ende Gewinn für alle Produzenten von herkunftsnahen und authentischen Weinen.

Am Denkmal Robert Weil ist nicht zu rütteln. Wer den Direttore kennt, der weiß, dass er mit Kritik nicht vor dem Weinberg halt macht. Hier kann ich nur einen tiefen Schluck vom Kiedricher Gräfenberg nehmen, um einen autarken, unverwechselbaren und profilstarken Ausdruck des Weinbergs im Rheingau zu schmecken. Und es schmeckt.

Wenn man dann noch auf einen Weingutsbetreiber trifft, der sich vor keiner Konfrontation scheut - ihm die Relevanz von Social Media deutlich zu machen, bleibt eine Herkulesaufgabe :-) - dann schließt sich der Kreis zu einem gelebten und sinnvollen Weinleben. Weils die Weine einfach wert sind…

Dienstag, 11. März 2014

Consigliere Dröfkes gereifter Barolo/Barbaresco Report, eine Zeitreise!


von Marc Dröfke
Was macht einen großen Wein aus? Diese Frage zu beantworten fällt nicht leicht, denn an welchen Punkten macht man fest ob ein Wein wahrlich ein „Großer“ ist oder nicht? Die Einen meinen, es sei die perfekte Verbindung zwischen den Attributen wie Frucht, Säure, Tanninen, Druck am Gaumen und dem Abgang, Andere schwören auf den Terroirgedanken und wiederum Andere erklären diesen technisch. So bleibt die Definition eines großen Weins wohl eine final individuelle Einschätzung.

Trotz all dieser Kriterien, macht einen großen Wein, zumindest für mich, auch ein Stückchen spezielle Magie aus. Dieses Gefühl ist schwer zu beschreiben und doch wird jeder einigermaßen ambitionierte Weintrinker wissen, was ich meine.

Ebenso spielt das Umfeld, in dem ein solcher Wein genossen wird, eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Ich glaube, dass jeder noch so teure und hochgepriesene Wein in der falschen, oder in gar keiner Gesellschaft, ein absoluter Flop sein kann. Wein bedeutet auch teilen können und wollen. Und dabei muss es nicht immer ein Grand Cru aus dem Burgund oder Premier Cru aus Bordeaux sein. Auch ein einfacher Wein kann, getrunken in der richtigen Gesellschaft, mir große Freude bereiten. Natürlich ist es auch so, dass speziell gereifte, rare Weine von herausragenden Produzenten, die in so einer Runde geöffnet werden, das Gesamterlebnis nochmal verstärken können.

Und so war meine Vorfreude vergangenen Samstag besonders groß, als ich mich auf den Weg zu meiner allmonatlichen Weinrunde machte. Das Thema dieses Mal: Barolo & Barbaresco. Diese beiden Gewächse werden zu Recht in die Spitzengruppe der italienischen Weine verordnet. Die Herkunft des Barolo sowie des Barbaresco, liegt in den Langhe-Bergen im Piemont. Zur kurzen Orientierung, diese liegen zwischen der oberen Ebene des Po bei Turin und den Ligurischen Alpen. Die ca. 15 km südlich von Alba gelegen Gemeinde Barolo, gab dem erstgenannten Wein seinen Namen. In Italien ist er auch unter „König der Weine“ bekannt.

Der Barbaresco, wird hingegen oft zu Unrecht als der „kleine“ Bruder des Barolo bezeichnet. Dass dies der falsche Ausdruck ist, beweist vor allem das sehr bekannte Weingut Angelo Gaja jedes Jahr aufs Neue. Sie füllen einen Barbaresco ab,  der so ziemlich jedem Barolo das Wasser reichen kann. Leider spielt er auch preislich in einer anderen Liga.

Beide Weine sind keine Cuvees aus verschiedenen Rebsorten, wie es z.B. in Bordeaux oft der Fall ist, sondern reinsortig. Hierbei kommt die Nebbiolo-Traube zum Einsatz. Barolo & Barbaresco sind aufgrund dieser Rebsorte in der Jugend häufig von sehr starken Tanninen geprägt, können aber sehr lange lagern und werden oft mit zunehmendem Alter immer vielschichtiger und besser.

Seit langem üben die Weine auf mich eine besondere, nicht zu erklärende Anziehungskraft aus, weswegen ich mir auch einige der Kollegen in den Keller gelegt habe. Viele von ihnen sind heute einfach noch viel zu jung zum öffnen. Deshalb war ich umso gespannter, was die gereiften Stöffchen so drauf haben.

Wir verkosteten eine kleine, aber feine Auswahl von 7 verschiedenen Weinen mit zum Teil, soviel vorweg, wirklich herausragendem Ergebnis. Die Weine wurden blind in zweier Flights serviert. Der dritte Wein kam solo ins Glas.

Der erste Flight bot sofort eine große Überraschung. Der Gastgeber erlaubte sich den Spaß und schenkte einen Barolo ein, den er damals für 12 Mark beim Discounters Aldi gekauft hatte. Das Etikett gab den Jahrgang 1997, sowie die Bezeichnung Vecchio Piemonte, an. Ich muss ehrlich gestehen, der Wein hat mir geschmeckt. Und den anderen am Tisch auch. Er war zwar schon etwas müde, wäre als Speisenbegleiter aber durchaus „brauchbar“.
Wir machten alle große Augen, als wir erfuhren um was für einen Wein es sich handelte. Für mich war erstaunlich, dass dieser Wein sich trotz seines beachtlichen Alters für einen Discounterwein so gut gehalten hat, auch geschmacklich komplex wirkte.

Ihm gegenüber stand ein unglaublich jugendlicher Barbaresco vom Weingut Angelo Gaja aus dem Jahre 1989. Im Glas ein granatroter Wein mit dunklem Kern, zu den Rändern hin dann doch schon ins ockerfarbene tendierend. Die Nase zeigte rote Beeren, leicht süßliche Crema di Balsamico, etwas Unterholz und eine Note, die mich an Karamalz erinnerte.

Am Gaumen zeigte der Stoff, im Gegensatz zum Aldi-Wein, dann eine ganz andere Power. Sehr druckvoll bei mittlerer Säure und immer noch präsenten Tanninen. Mit der Zeit legte er im Glas auch nochmal deutlich zu. Wer noch eine Flasche daheim hat, kann diese problemlos weitere 5-10 Jahre lagern. Die erste Benchmark war gesetzt.

Darauf folgte ein Wein von Aldo Conterno aus dem ebenfalls sehr guten Jahrgang 1990. Der Barolo Colonnelo zeigte sich im Glas schon eher wie man einen typischen Nebbiolo kennt. In einem hellen Kirschrot mit Wasserrand.

Auch in der Nase sehr typisch: Getrocknete Rosenblätter, balsamische und viele erdige Noten sowie etwas Lakritze. Im Mund dann der für mich eleganteste Wein des kompletten Tastings. Nichts sticht heraus, alles ist an seinem Platz, Säure und Tannine sind stimmig integriert. Wie ein perfekt geschneiderter italienischer Maßanzug, schmiegt sich der Wein an den Gaumen und verweilt dort auch nach dem ersten Schluck unglaublich lange. Dabei wirkt er aber so unglaublich leicht. Ein herausragend guter Stoff, der die Tischrunde das erste Mal sprachlos zurück ließ. Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein.

Der nächste Flight war erneut hoch interessant. Zwei Weine vom selben Produzenten, Bruno Giacosa, aber mit absolut unterschiedlichen Stilistiken, so dass ich niemals auf ein- und denselben Winzer gesetzt hätte.

Im ersten Glas ein sehr klassischer Barolo Falletto di Serralunga d´Alba aus dem Jahre 1982. In der Nase noch sehr jung wirkend, mit noch deutlicher Frucht, Himbeere und rote Kirsche, neben welken Rosenblättern, etwas Veilchen sowie feuchtem Waldboden, alles unterlegt mit einer schönen und dezenten süßen Note.

Am Gaumen sehr charmant mit langem Finale. Die Säure ist da, sticht aber nicht unangenehm heraus, sondern trägt den Wein sozusagen.

Im anderen Glas dann mein Wein des Abends. Wiederum Bruno Giacosa, wieder Barolo Falletto, allerdings dieses mal der Riserva aus meinem Geburtsjahrgang 1989. Alle Riservas von Giacosa sind gut erkennbar an ihren rostroten Etiketten. 

Die Farbe ist ockerbraun mit einem dunklen schwarzen Kern. In der Nase ein Wein, wie ich ihn noch nie zuvor erlebt habe. Super polarisierend, herausfordernd und unglaublich komplex. Verändert sich stetig im Glas. Zuerst eine sehr stark ausgeprägte Note, die an Liebstöckel erinnert. Dann salzig, jodig, viel Kräuter, abgehangenes Fleisch, Sherry, Walnuss, Süßholz, Asche und ein wenig Teer. Kaum bis keine Frucht. Dieses Geruchsbild gefiel nicht jedem am Tisch. Mir dafür umso besser. But, not everybodys darling!

Am Gaumen waren sich allerdings alle einig. Hier knallts richtig! Mit Abstand der Wein mit der meisten Power im Tastings. Lebendige Säure, unglaubliche Spannung und Vibration am Mittelgaumen. Kalter Rauch, Leder und eine „animalische“ Note, notiere ich auf meinem Zettel. Sehr sehr langes Finale, minutenlanger Nachhall. Und dabei noch so wahnsinnig jung wirkend. Hat Potential für mindestens 10, nein 20, weitere Jahre. Wow! Ein Wein der mich sprachlos macht. Ein Monument. Und der beste Wein, den ich bis dato in meinem Leben trinken durfte.

Ich brauchte erstmal eine viertel Stunde, um mich wieder konzentrieren zu können. So gefangen war ich von diesem Stoff. Doch dann richtete sich mein Blick nach vorne, denn ich wusste jetzt musste er kommen, der Wein, den ich am meisten herbeisehnte. Der 1971ger Barolo Monfortino Riserva von Giacomo Conterno. Ihm gegenüber stand ein weiterer Barbaresco von Gaja. Diesmal ein Vecchia Riserva, aus einem nicht ganz identifizierbarem Jahrgang. Auf der Flasche selbst zeigte sich kein Hinweis. Vielleicht kann hier ein erfahrener Leser weiter helfen. Der Gastgeber meinte, dass der Wein aus den 60ger Jahren stammen müsste.

Die Farbe erinnerte mehr an einen Rose Wein, als einen roten. Fast durchsichtig. Wie ein Glas Wasser mit nur einem kleinen Schuss rotem Johannisbeersaft. Die Nase zeigt trotz allem noch einige Tertiäraromen wie Pilze, viel feuchtem Waldboden und Sherry. Im Mund dann eine Überraschung. Ich dachte der Wein ist tot. Von wegen, die Säure war noch präsent, natürlich nicht mehr mit der Lebhaftigkeit, aber trotzdem. Eine wahrliche Wundertüte.

Der Monfortino hingegen, zeigte sich in einem bestechenden Zustand. Die Farbe erinnerte stark an Motoröl. Dunkles, ockerfarbenes Braun mit einer Aufhellung an den Rändern. Wenn man bedenkt, dass dieser Wein mittlerweile 43 Jahre alt ist, Wahnsinn! In der Nase ist trotz des Alters etwas Frucht geblieben. Sie erinnert an getrocknete rote Beere. Daneben brauner Kardamom, Zimt, getrocknete Blüten, Lakritze, Leder, welkes Blattwerk, ganz wenig Waldhonig und eine balsamische Note. Alles wunderschön ineinander verwoben. Hier gab es keinen Grund für Diskussionen. Wir waren alle einstimmig begeistert.

Am Gaumen ein charmanter, eleganter Wein. Sauerkirsche und Lakritz schießen mir in den Kopf. Wunderschön samtig und trotzdem sehr druckvoll bis ins lange Finale. Er ist aber nicht so maskulin, wie der Falletto Riserva von Giacosa, sondern erinnert eher an eine wunderschöne, in würde gealterte italienische Frau in einem maßgeschneiderten Kleid von Valentino. Nicht mehr so jung und feurig, sondern alles mit mehr Stil meisternd, dabei aber trotzdem immer mit genügend Nachdruck am arbeiten. Ein zeitloser Wein. Ebenfalls sehr nahe an der Perfektion. 

Was bleibt noch zu sagen? Nur so viel: Eine Probe, die mir noch lange im Gedächtnis verankert bleiben wird. Sie war ein absoluter „game changer“ für mich. Und ich bin so unglaublich dankbar, dass wir keine Ausfälle hatten. Alle Weine präsentierten sich in einem tollen Zustand, was bei manchen Kandidaten mit entsprechendem Alter nicht unbedingt so zu erwarten war. Diese Weine gehören für mich zur absoluten Weltspitze. Natürlich sind die Preise inzwischen exorbitant, trotzdem sollte man sich so eine Horizont erweiternde Flasche einmal im Leben gönnen. Es lohnt sich, versprochen!

Zum Abschluss noch ein kurzes Wort zur Wahl des passenden Glases. Ich habe meine Riedel Pinot Noir XL Gläser aus der Vinum Serie verwendet und die Weine präsentierten sich ungemein offen und sehr fokussiert. Mein Gegenüber verkostete zuerst mit seinen mundgeblasenen Gabriel Gläsern. Die Weine gingen dort komplett unter. Er wechselte nachher seine Gläser und war mehr als froh einen zweiten Satz dabei gehabt zu haben.
  
Deshalb mein Tipp. Benutzt bei solchen Proben große Gläser in denen der Wein viel Luft bekommt. Es ist ein komplett andere Art des Verkostens. 

 

Dienstag, 25. Februar 2014

HebeBühne - der Theater Blog - Im Gespräch mit Guido Gallmann



Anlässlich der Premiere am 27.02.2014 von "Kleiner Mann - Was Nun“ von Hans Fallada in der Regie von Klaus Schumacher am Theater Bremen, lässt es sich der Feuilleton Chef der La Gazzetta del Vino, Michael Jetter, nicht nehmen, den renommierten Schauspieler Guido Gallmann zum Gespräch zu laden. Dieser nimmt dankenswerter Weise an, denn die Premierenvorbereitungen befinden sich im vollen Gange und die Zeit ist rar. Und so erleben wir ein bereichernden Gesprächspartner über die Entwicklung des Theater Bremens, Klaus Pierwoß, die Freiheit der Rolle, Thomas Bernhard, Bremen und die anstehende Premiere. Aber lesen Sie selbst...

Guido, Du bist seit der Spielzeit 2001/2002 festes Ensemblemitglied, ja auch Publikumsliebling, am Theater Bremen. Ich erinnere mich noch sehr gut und sehr gerne an die Inszenierung „Baumeister Solness“ von Henrik Ibsen in Deiner ersten Bremer Spielzeit. Ich kann mir gut vorstellen, dass es ein großes Vergnügen gewesen sein muss, mit so großartigen Kollegen wie Detlev Greisner, Jördis Triebel und Gabriele Möller-Lukasz diesen Abend in der Rolle des Ragnar Brovik zu bestreiten!?

Ja, dem war wirklich so! Ich habe die Arbeit und die Probenzeit in bester Erinnerung, weil sie so heiter und gelassen war. Die Inszenierung von Andreas v. Studnitz setzte, so meine ich, auf Direktheit, Echtheit, Glaubwürdigkeit und Natürlichkeit, und das brachten die obengenannten Kolleginnen und Kollegen plus Katja Zinsmeister, Andreas Herrmann und Wolfram Grüsser „einfach so mit“. Bei einer Vorstellung war ich übrigens mal sehr „echt und natürlich“ außer Atem...ich saß im Aufenthaltsraum und hatte durch eine angeregte Plauderei meinen Einruf überhört. Irgendwann hatte ich ein komisches Gefühl und drehte die Mithöranlage lauter...und hörte mein Stichwort! Ich glaube, so schnell war ich nie wieder auf der Bühne (unser Inspizient hatte mir noch ein großes Requisit zugeworfen), und dort sah ich dann in die leicht geweiteten Augen von Detlev, der hörbar ausatmete. Nachher aber kein böses Wort, eher Schmunzeln und der Satz: “Das passiert jedem mal.“ Mir war es insofern eine Lehre, dass ich seitdem eine Vorstellung immer laut mithöre.

Welche Rolle spielte eigentlich der Intendant Klaus Pierwoß (1994-2007) für Dich und Deine Entwicklung am Theater Bremen? Er war es ja, der Dich 2001 aus Münster in die Hansestadt geholt hat. Musste er Dich zu diesem Schritt überreden, oder warst Du sofort Feuer und Flamme für dieses Engagement, das ja mittlerweile ins dreizehnte Jahr geht. Welche Argumente haben letztlich für Dich die entscheidende Rolle gespielt.

Nein, Klaus Pierwoß musste mich wirklich nicht überreden! Die entscheidende Rolle spielte (klingt vielleicht kitschig, ist aber so) die Liebe. Ich war also schon drei Jahre vor meinem Engagement regelmäßig in Bremen und im Theater. Hatte z.B. wie Du „Engel in Amerika“ gesehen. Und „Sucking Dublin“. Und Konstanze-Lauterbach-Inszenierungen. Und und und...ich sollte nichts rauspicken, da tue ich vielen anderen tollen Abenden Unrecht, die ich nicht erwähne! Jedenfalls habe ich mich beworben mit dem Gedanken: „Ich muss es versuchen, klappt eh nicht, wäre zu schön, um wahr zu sein.“ Dann ging überraschend ein Kollege weg, es gab Vorsprechen, ich bekam eine Einladung (Schock), und hatte dann das große Glück, engagiert zu werden. Dafür bin ich Klaus Pierwoß immer dankbar, und in der Folge für wunderbare Rollen, die er mir zugetraut hat.

Foto Jörg Landsberg
Meiner Beobachtung nach verstand es Klaus Pierwoß auf das trefflichste, ein großartiges und homogenes Ensemble zu entwickeln, es zu formen und zu konturieren. Mittlerweile vermisse ich immer häufiger auf deutschen Sprechtheaterbühnen gereifte und ältere Schauspieler, wie es in Deiner Bremer Anfangszeit zum Beispiel die wunderbaren Detlef Greisner und Sebastian Dominik waren. Ich weiß sehr wohl, dass es selbstredend finanzielle Überlegungen sind, die diese Entwicklung befördern, aber das Theater verliert damit ganz sicher auch an Qualität. Mit 48 Jahren gehörst Du somit bizarrer Weise schon zu den wenigen älteren Schauspielern in Bremen. Wie siehst Du diese, aus meiner Sicht, absurde Entwicklung an deutschen Bühnen?

Ich finde, „absurd“ trifft es. Und Detlev und Sebastian vermisse ich sehr und bin bestimmt nicht der Einzige. Es fehlt ein großer wichtiger Teil unser aller Leben auf der Bühne. Unsere Gesellschaft, wir Menschen werden immer älter und können das im Theater nicht mehr erfahren und erleben?  Es ist schade, schade, schade! Du schreibst „finanzielle Überlegungen“, ich denke, es sind „finanzielle Daumenschrauben“. Das kennen wohl leider fast alle Menschen inzwischen in ihrer Arbeitswelt. Ich sehe es als kleinen Hoffnungsschimmer, dass teilweise wieder ältere Arbeitnehmer eingestellt werden, weil ihre Erfahrung eben nicht zu ersetzen ist.

Ich habe nach dem Abgang von Pierwoß ein wenig den Kontakt zum Theater Bremen verloren. Die kurze Intendanz von Hans Jochim Frey hat dabei eine nicht unwesentliche Rolle gespielt. Meiner Einschätzung nach wurde in diesen drei Jahren das Sprechtheater auf sträfliche Art und Weise vernachlässig, um sich lieber mit sogenannten Kultur-Events wie „Der fliegende Holländer“ und dem Musical „Marie Antoinette“ beschäftigt. Mich würde an dieser Stelle interessieren, wie Du diese drei Jahre als Schauspieler erlebt und empfunden hast?

Zuerst einmal war ich froh und dankbar, dass Hans-Joachim Frey meinen Vertrag verlängert hat. Nun, die Events waren politisch gewünscht und befördert, womit wir wieder beim Geld sind:  „weniger Kosten und deutlich mehr Einnahmen bitte.“ Schlimm, die Verkleinerung des Schauspielensembles um 25% und drastische Gagenkürzungen im Tanztheater. Aber ich fand und finde nicht, dass das Sprechtheater vernachlässigt wurde! Willkürlich aus meiner Erinnerung mit brutalem Mut zur Lücke: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Frank-Patrick Steckel inszeniert, “Die Bakchen“ von Robert Schuster, „Die Eisvögel“ von Henrike Vahrmeyer, „Der Menschenfeind“ von Alice Buddeberg, „Das stille Kind“ von Christian Pade, „Die Glasmenagerie“ von Matthias Kaschig, „Mein Kampf“ von Martin Baum, „Das Versprechen“ von Hanna Rudolph....!!! Und dann kam nach diesen drei Jahren unsere „Fünferbande“ mit Rebecca Hohmann, Marcel Klett, Patricia Stöckemann, Hans-Georg Wegner und Martin Wiebcke, die zwei Jahre lang hervorragende und bewunderungswürdige Arbeit geleistet haben. Hier nur ein Pars pro toto: „Perpetuum Mobile“, weil einige von uns da mit Urs Dietrich und dem Tanztheater arbeiten durften.

Dein komödiantisches Talent ist tatsächlich unbestritten. Ich erinnere mich an dieser Stelle zum Beispiel mit kindlicher Freude an die musikalischen Abende „Familienschlager“ und „Singen für Deutschland“ von Erik Gedeon. Gab es in Deiner Karriere auch Momente, in denen Du Dich auf dieses wunderbare Talent festgelegt gefühlt hast, oder wurdest Du von Anfang an umfassend besetzt und somit in Deinen ganzen schauspielerischen Möglichkeiten erkannt?

Erstmal danke ich Dir für diese sehr freundlichen Worte. Bei dieser Antwort fasse ich mich kurz: Letzteres! Also (falls es einer liest) Dank und Grüße an meine Ex-Intendanten Dietrich von Oertzen, Heiner Bruns und Thomas Bockelmann!

Welcher Regie-Stil kommt Deiner Berufsauffassung eigentlich am nächsten? Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich als Schauspieler einen kooperativen Stil wünscht, der einem Akteur einen gewissen Freiraum in der Rollenfindung ermöglicht. Oder zählt am Ende nur das Ergebnis, egal unter welchen diktatorischen Mitteln es von einem Regisseur erzwungen wurde?

Das Wort „kooperativ“ kann ich jetzt nur wiederholen. Allerdings habe ich noch nie einen Regiediktator erlebt und glaube auch nicht, dass ich eine gute Arbeit machen würde. Nein ich weiß es, denn gerade fallen mir ein paar Situationen ein, in denen Tage, wenn nicht Wochen lang auf etwas bestanden wurde, was ich nicht den Regisseur überzeugend und zufriedenstellend spielen konnte, bis mir vor lauter Überdruck und Krampf die Stimme wegblieb. Ich mag und brauche es, dass sich die Ideen und Phantasien der Beteiligten aneinander entzünden und sich befruchten.

Foto Jörg Landsberg
Aktuell stehst Du auch in der Rolle des Dieners „Firs“ in Tschechows „Kirschgarten“ auf der Bühne. Das Stück ist für Dich in Bremen ja kein Neuland, warst Du schon in der Rolle des Kontoristen „Jepichodow“  in der Spielzeit 2002/2003 unter der Regie von Aureliusz Smigiel besetzt. Was macht den Reiz dieses Stückes aus? Es wird ja an deutschen Bühnen seit ein paar Jahren rauf und runter gespielt, wobei ich an dieser Stelle keinen Hehl daraus machen möchte, dass ich Tschechow selbstverständlich verehre.

Weil sich die Figuren Fragen stellen, die sich die Menschen wohl ewig stellen werden. Weil wir uns in ihnen wiederfinden, ihren Kummer, ihre Ängste nachvollziehen und mitfühlen können. Weil wir auch über sie und damit über uns lachen können. Weil wir aus dem Paradies vertrieben sind. Weil wir uns ein Rezept für das vollkommene Glück wünschen, aber „es ist vergessen, keiner kennt es mehr“, wie Firs sagt. Weil das Theater selbst ein bedrohter Kirschgarten ist. Weil sich alles nur noch rechnen soll und uns das alle terrorisiert.

Wie bereitet man sich eigentlich auf die Rolle des „Firs“ vor, der ja mittlerweile so etwas wie der heimliche Hauptdarsteller vieler „Kirschgarten“ Inszenierungen geworden ist? Zumindest habe ich das so in der Berliner Aufführung mit dem großartigen Jürgen Holtz am BE empfunden. Dieser „Firs“ist ja  mit seinen 87 Jahren ein sehr alter Mann und somit fast 40 Jahre älter als Du.

(Danke, aber es sind genau 40 Jahre.) Ich habe mich gar nicht vorbereitet, weil ich keine Ahnung hatte, wie ich den Firs spielen würde oder sollte! Ich habe mich sehr über die Besetzung gefreut und war sehr gespannt auf das Konzeptionsgespräch und die Ideen der Regisseurin Alize Zandwijk. Als ich sie fragte, ob ich den Firs alt spielen solle, meinte sie: “Nein, wir nehmen das aus dir und was wir zusammen erfinden, entwickeln und ausprobieren.“ Einer meiner Versuche war dann extreme Langsamkeit, was den Ausstatter Thomas Rupert auf das Bild eines „langsamen, langen, mit dem Haus gewachsenen“ Firs brachte. Und so entstand in zwei Monaten die Figur... Das ist immer wieder toll, wenn am Ende einer Probenzeit etwas entstanden ist, an das man vorher im Traum nicht dachte!

Du stehst im Moment in Premiere Vorbereitungen für „Kleiner Mann - Was Nun“ von Hans Fallada in der Regie von Klaus Schumacher im großen Haus am 27.02.14. Vielleicht kannst Du uns einen kleinen Einblick in die aktuellen Probearbeiten geben bzw. den geneigten Leser darüber informieren, was ihn an diesem Abend erwarten wird? Ich habe in der letzten Spielzeit „Jeder stirbt für sich alleine“ von eben diesem Autoren in Hamburg gesehen, und zähle die Arbeit am Thalia Theater, unter anderem mit Deiner großartigen ehemaligen Bremer Kollegin Gabriela Maria Schmeide, zu meinen größten und bewegendsten Theatererlebnissen überhaupt. Insofern freue ich mich schon sehr auf Eure Inszenierung.

Das Bühnenbild besteht aus einem gewaltigen, bedrohlichen Objekt. Mehr möchte ich nicht verraten. Zwei Musiker sind dabei und acht Ensemblemitglieder. Annemaaike Baker und Peter Fasching spielen die beiden Hauptfiguren und wir übrigen jeweils mehrere verschieden Rollen. Die Inszenierung setzt ganz auf die Sprache und Imagination und auf das Vermögen der beiden Hauptdarsteller, einen tief zu berühren.

Diese Frage ist meiner großen Leidenschaft für den Schriftsteller und legendären Theaterautoren Thomas Bernhard geschuldet. Mir ist natürlich aufgefallen, dass Bernhard seit Ewigkeiten in Bremen nicht gespielt wurde, vielleicht sogar noch nie, nicht einmal zu seinem aktuell 25jährigen Todestag. Woran mag das liegen, sind doch seine Stücke aus meiner Sicht extrem anspruchsvoll zu spielen und bei Gelingen ein Theaterfest erster Güte, und somit beste Werbung für das Bremer Sprechtheater. Ich kann mir z.B. sehr gut vorstellen, dass Dir die Rolle des Wahnsinnigen in „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ auf den Leib geschrieben sein könnte. Teilst Du eigentlich meine Leidenschaft für diesen Autor, oder greifen meine Besetzungsphantasien an dieser Stelle ins Leere?

Da muss ich zerknirscht zugeben, dass ich „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ nicht kenne...Aber ich erinnere mich noch an den „Theatermacher“ mit Ulrich Wildgruber in Hamburg und an „Holzfällen“ (von Christian Pade in Hannover inszeniert): toll! Bernhard ist tatsächlich lange nicht in Bremen gespielt worden, aber zwei Inszenierungen von „Vor dem Ruhestand“ habe ich gefunden: 1980 in der Regie von Thomas Reichert und 1992  von Thomas Blockhaus.

Nach dreizehn Jahren darf man auch mal kurz zurückschauen. Welche Bremer Arbeiten sind Dir im Rückblick besonders wichtig, insbesondere auch im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit Deinen Kolleginnen und Kollegen, von denen ja viele mittlerweile längst an anderen deutschen Bühnen engagiert sind. Gibt es eigentlich noch Kontakt mit ehemaligen Kollegen, oder lässt der enge Spiel- und Proben-Plan das einfach nicht zu?

Wieder das Dilemma: wenn ich eine Arbeit nenne, fallen mir immer weitere ein, die unbedingt dazugehören...nein, hier kneife ich. Mit einigen Kollegen und Kolleginnen halte ich freundschaftlichen Kontakt, was wunderbar ist, aber leider fast nur telefonisch. Dass man sich sieht oder sogar eine Vorstellung besuchen kann, klappt extrem selten. Zurzeit habe ich noch nicht mal am Theater Bremen alles sehen können.

Wie kann man sich eigentlich den enormen Zuschauerschwund der letzten 10 Jahre erklären? Noch in der Spielzeit 2002/2003 verzeichnete das Theater Bremen 240000 Besucher, in der Spielzeit 2012/2013 waren es nur noch 150000 zahlende Zuschauer. Wird diese Situation auch unter den Schauspielern analysiert und diskutiert, oder liegt hier die Verantwortung ausschließlich in den Händen der jeweils aktuellen Intendanz?

Die gute Nachricht zuerst: in der ersten Hälfte der laufenden Spielzeit bis Dezember 2013 hatten wir 30% mehr Zuschauer! Ich glaube einerseits, dass die negative Außenwirkung viel mit den Millionenschulden durch „Marie Antoinette“ zu tun hatte, das Haus stand als Geldverschleuderungsanstalt da, also muss der Laden schlecht laufen, also können die wohl nichts, also sind die schlecht, also geht man nicht mehr hin. Wir haben aber nicht alle auf einmal schlechter gesungen, getanzt oder gespielt! (Siehe Antwort 4) Andererseits verändern sich aber auch unsere Lebenswirklichkeit und unser Freizeitverhalten durch eine Explosion an (medialen) Unterhaltungsmöglichkeiten und -formen. Verändert sich auch der Bildungskanon? Wird das „Bildungsbürgertum“ kleiner? Was funktioniert vielleicht in Hamburg, aber nicht in Bremen, und umgekehrt? Ich weiß nur: unser Intendant und sein Team nehmen die Verantwortung, Theater- KUNST in vielerlei Richtungen für ein möglichst zahlreiches Publikum zu machen, sehr ernst!

Mein Eindruck ist, dass Du sehr gerne in Bremen lebst. Was macht den Reiz dieser Stadt für Dich aus, welche besonderen Orte unserer gemeinsamen Wahlheimat möchtest Du unseren Lesern jenseits des Theater Bremen ans Herz legen, und warum sollte ein Reisender die Hansestadt unbedingt besuchen und kennenlernen?

Unabhängig von wunderschönen Orten und Plätzen hat mir sofort die Weltoffenheit der Stadt gefallen. Ich glaube, es ist die Mischung aus Klein- und Großstadt, aus Nähe und Distanz und eine gewisse Grundentspanntheit. Der Bremer selbst nimmt sich meist nicht so wahnsinnig wichtig, weiß aber, was er an seiner Stadt hat. Auch den trockenen norddeutschen Humor „mach ich wohl gut leiden“. Bisher wollte ich hier nicht wieder weg. Ich bekomme gleich Lust mich aufs Rad zu setzten, an der Weser lang mit einem Umweg über den Marktplatz, Café Sand, Lankenauer Höft, Bürgerpark und den Wümmedeich im Blockland zu radeln und meine Familie und Freunde zu besuchen! Bremen ist meine Heimat geworden.